Lange Zeit war sie das, was man eine Hintergrundpolitikerin nennt, eine mächtige Frau der zweiten Reihe: Schatzmeisterin der SPD, neun Jahre lang Staatssekretärin im Bundesfinanzministerium, eine politische Allzweckwaffe. Jetzt ist Barbara Hendricks seit zwei Jahren Bundesumweltministerin – und steht in der ersten Reihe. Wer ist die Rheinländerin aus Kleve, die aus der Ferne herb und aus der Nähe herzlich wirkt? Im Gespräch mit BUNTE lüftete die 63-Jährige ein großes Geheimnis – sie lebt in einer „Homo-Ehe“.

Frau Hendricks, was frühstücken Sie gern?
Müsli mit Naturjoghurt.

Steht bei Ihnen auch Margarine auf dem Tisch?
Sie meinen, weil ich meine Doktorarbeit über die Margarineindustrie am unteren Niederrhein geschrieben habe? Nein. Ich esse Butter. Aber als Kind habe ich viel Margarine gegessen. Die war einfach billiger, Butter war Luxus, hat mir meine Mutter beigebracht.

Wird Ihnen manchmal schwummrig, weil so viele Doktorarbeiten von Politikern überprüft werden und einige sogar ihren Titel verlieren?
Nicht, was meine Doktorarbeit angeht. Aber ich glaube, dass zum Beispiel Annette Schavan von der CDU der Titel zu Unrecht aberkannt wurde. Sie ist eine absolut integre Persönlichkeit, Betrug kann ich mir bei ihr überhaupt nicht vorstellen. Bei ihr ging es ja auch nur um richtiges Zitieren, nicht um plumpes Abschreiben wie bei Karl-Theodor zu Guttenberg. Der war als Minister auch Dienstherr der Bundeswehrhochschulen und deshalb wirklich nicht mehr zu halten.

Lassen Sie uns über Gefühle in der Politik reden. Sie gelten als Meisterin der Sachlichkeit. Aber auf der Weltklimakonferenz in Paris haben Sie geweint…
Da schäme ich mich nicht. Als sich 195 Staaten verbindlich darauf einigten, die Erderwärmung auf unter zwei Grad zu begrenzen, fiel die ganze Anspannung von mir ab. Das war eine überschäumende Freude bei allen Beteiligten, wir fielen uns um den Hals. Ich umarmte Tony de Brum, den Außenminister der Marshall-Inseln, die ja von Überflutung bedroht sind. Für ihn war diese Konferenz existenziell.

Sie haben sich umarmt wie Fußballer, die gerade ein Tor geschossen haben.
Ja, wenn man so will. Wir haben die Nächte durchverhandelt, schlecht gegessen, zu viel Kaffee getrunken. Die Nerven lagen blank. Meine Delegation hat mich mit Äpfeln und Fruchtsäften versorgt.

Hand aufs Herz: Mit dem großen Thema Umwelt hatten Sie vorher wenig am Hut. Wären Sie lieber Finanzministerin geworden?
Keine Chance, das machen die Jungs unter sich selbst aus. Aber ich war sehr wehmütig, als ich als Staatssekretärin aus dem Finanzministerium schied, das war schon sehr emotional. In die Umweltpolitik musste ich mich hineinarbeiten. Aber jetzt bin ich fit. Man darf natürlich nicht erwarten, dass sich das Wissen von 5000 Mitarbeitern komplett im Kopf der Ministerin befindet.

Sie gelten als toughe Ministerin. Manche sagen, Sie haben Haare auf den Zähnen.
„Tough“ nehme ich mal als Kompliment.

Als Sie in Paris am Klimagipfel kämpften, bekam ihr Parteichef Sigmar Gabriel am SPD-Parteitag Haue. Hat Sie das geärgert?
Ja! Es geht einfach nicht, dass wir unsere besten Leute so abstrafen. Bei Andrea Nahles war das genauso, als sie Generalsekretärin war. Da war ich auch wütend. Es war sehr ehrlich, dass Sigmar gesagt hat, er will nach so einem Ergebnis keine standing ovations. Das wäre Heuchelei gewesen. Politik wird durch Bilder vermittelt, da haben wir ein schlechtes Bild abgegeben. Die CDU zeigt da andere Bilder.

Sie kommen aus kleinen Verhältnissen, Ihre Mutter war Schneiderin. War sie eine schicke Frau?
Ja, darauf hat sie immer sehr viel Wert gelegt. Ich habe ihre Lust, sich betont elegant zu kleiden, nicht geerbt.

Weil Sie kein Ladytyp sind?
Ich gehe nicht aus purer Lust am Shoppen einkaufen. Den Hut für den Empfang der Queen habe ich zwei Stunden vorher für 25 Euro gekauft.

Gehen Sie auch in die Oper?
Nicht regelmäßig, aber hin und wieder. In diesem Jahr werde ich nach Bayreuth kommen.

Alleine?
Natürlich mit meiner Partnerin.

…die die Öffentlicxhkeit nicht kennt. Warum haben Sie so lange gewartet mit ihrem Outing, das Weihnachten 2013 ganz beiläufig kam?
Weil ich mich nicht darüber definieren lassen will. In meiner Heimatstadt Kleve wissen sowieso alle, dass ich mit meiner Partnerin zusammenlebe.

Sie galten als Singlefrau, als eiserne Jungfrau der SPD. Hat Sie das genervt?
Wenn mich das gestört hätte, hätte ich jederzeit mal einen Mann zum Bundespresseball mitnehmen können.

Sie sind Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken, der höchsten Laienvereinigung. Wurden Sie da mal auf Ihr Liebesleben angesprochen?
Nein, es gab keine einzige negative Reaktion. Im Gegenteil: Ich wurde eingeladen als Festrednerin beim katholischen Frauenbund.

Ihrer tief katholischen Mutter hätte das sicher gefallen.
Sie starb vor fünf Jahren, aber sie hat noch mitbekommen, dass ich mit meiner Lebensgefährtin in Berlin den Bund für’s Leben eingegangen bin. Das war einen Monat vor dem Tod meiner Mutter.

Sie sind verheiratet?
Verpartnert in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft — ja, das ist so.

Ein harter Brocken für Ihre Mutter?
Im Gegenteil. Sie hat sich gefreut und war froh, dass ihre jüngste Tochter jetzt auch „versorgt“ ist. Meine zwei älteren Schwestern sind ja mit Männern verheiratet. Und haben Kinder.

Wollten Sie nie Kinder?
Nein, der Wunsch nach Familiengründung war nicht da, es reichte mir, mit meinen Nichten und Neffen zu spielen. Mein Weg war anders.

Wie lange kennen Sie Ihre Frau?
Fast 20 Jahre, sie ist neun Jahre jünger, Lehrerin und hat auch die französische Staatsbürgerschaft. Wir passen wunderbar zusammen. Über gemeinsame Freunde haben wir uns kennengelernt, sie hat auch zeitweise im Bundestag gearbeitet. Es war eine Liebe, die sich langsam entwickelt hat.

In der lesbischen Szene wurden Sie gefeiert, weil Sie die erste lesbische Bundesministerin sind – zumindest soweit es bekannt ist.
Das habe ich nicht forciert. Aber wenn meine persönliche Entscheidung dazu beiträgt, lesbische Frauen selbstbewusster zu machen, soll es mir recht sein. Schwule Männer haben es leichter, gehört zu werden, sie haben auch die besseren Jobs, weil sie oft keine Kinder zu versorgen haben.

Welchen Wunsch sollte Ihnen eine Fee erfüllen: Feurige Redekunst, eine Modelfigur oder ein Konto voller Millionen?
Lieber würde ich ein Instrument spielen können. Ich liebe Jazz und singe auch gern.

Wie haben Sie die Silvesternacht erlebt?
Auf einem Hausboot in Berlin, nicht in meiner Heimat. Was in Köln abgelaufen ist, ist entsetzlich. Diese Art der Zusammenrottung und Frauenverachtung im Pulk war neu. Aber man soll nicht so tun, als ob es in Deutschland vorher keine sexuelle Belästigung gegeben hätte. Frauen haben jedenfalls ein Anrecht auf Sicherheit im öffentlichen Raum.

Waren Sie selbst schon mal Opfer?
Als junges Mädchen auf dem Nachhauseweg von einem Konzert. Unter einer Laterne wurde ich von hinten attackiert. Ich konnte mich gottseidank losreißen.

Sind Sie als Ministerin umweltbewusster geworden?
Ich musste nicht viel ändern. Ich war schon vorher nicht sehr verschwenderisch und brauche nicht ständig neue Sachen. Fernreisen mache ich nicht, lieber bin ich mit meiner Partnerin drei Wochen lang auf dem Rad unterwegs oder mache Wanderurlaub.

Und wer kümmert sich bei Ihnen um den Garten?
Meine Partnerin, mir fehlt die Zeit. Wir lieben blühende Sträucher: Hortensien, Rhododendron, Kamelien.

Dann ernennen wir Sie zur Kameliendame der SPD.
Na, zum Glück bin ich aber gesund und voller Tatendrang!