Arnsberg/Hochsauerland.
War den Frauen noch zum Ende des 19. Jahrhunderts jede politische Tätigkeit untersagt, so änderte das gesetzliche verbriefte allgemeine Wahlrecht der Frauen vom 12. November 1918 das radikal – oder doch nicht? Den 100. Geburtstag des Frauenwahlrechts nahm der heimische
SPD-Bundestagsabgeordnete Dirk Wiese am Sonntag zum Anlass, um mit seiner Kollegin, der ehemaligen Bundesumweltministerin Barbara Hendricks, der Landtagskandidatin Margit Hieronymus und Susanne Willmes von der Frauenberatungsstelle Meschede über Erfolge und Realitäten des Gesetzes zu diskutieren.

In ihrem Impulsreferat erinnerte Barbara Hendricks an den historischen Augenblick, als mit Marie Juchacz zum ersten Mal eine Frau zu den Abgeordneten im deutschen Parlament sprach. „Damit war das langjährig vorherrschende Bild verzerrt, dass eine Frau ins Haus und ein Mann an die Arbeit gehört“, so die Bundestagsabgeordnete. Hendricks rief in Erinnerung, dass Frauen schon zur Zeit der Revolution von 1848 um ihre politischen Rechte gekämpft hatten. Ihre Anstrengungen seien aber von Wirrungen des Ersten Weltkrieges gebremst worden und hätten erst später wieder Fahrt aufgenommen. Wenn auch nur zum Teil: Mit 37 Frauen in der ersten Nationalversammlung habe der Anteil der Frauen bei zehn Prozent gelegen. „Erst 1983 gab es im Deutschen Bundestag prozentual mehr weibliche Abgeordnete als in der Nationalversammlung“, gab Hendricks zu bedenken. Zuvor seien die Frauen in Deutschland bei vielen politischen Wendepunkten unterrepräsentiert geblieben. Und auch wenn das Grundgesetz 1949 die Gleichberechtigung von Mann und Frau festgeschrieben habe, sei die Realität eine andere gewesen: Bis 1957 habe das Gehorsamsgesetz gegolten, das dem Mann das Bestimmungsrecht über die Frau gegeben hat. Bis 1967 musste der Mann auch die Zustimmung zu einem Bankkonto für seine Ehefrau geben. Und Vergewaltigung in der Ehe, so Hendricks, sei erst 1997 strafbar geworden. Die Bilanz, so die Abgeordnete, sehe nüchtern aus: „Frauen haben die gleichen Rechte, aber nicht die gleichen Chancen“, kritisierte Hendricks. Auch wenn der Anteil von Frauen im Bundestag heute bei 30,3 Prozent liege, hätten die etablierten Parteien ihre Haus-aufgaben längst nicht gemacht. Bei der CDU liege der Frauenanteil bei 19 Prozent, bei der FDP seien es immerhin schon 23 Prozent. Frauen hätten sich diese Entwicklung aber nicht selbst zuzuschreiben, sie müssten gegen starke Männerbünde ankämpfen und tendierten zu Berufen, die schlechter bezahlt würden. „Meine Bilanz fällt sehr gemischt aus“, so Barbara Hendricks, „Gleichberechtigung gibt es nur auf dem Papier, aber nicht in der Realität.“

In der sich anschließenden Podiumsdiskussion machte Susanne Willmes von der Frauenberatungsstelle Meschede klar, dass Frauen Solidarität und Unterstützung brauchen. „Sie sollten ihre Mädchen kämpferisch erziehen, ohne auf eine wertschätzende Diskussion zu verzichten“, so Willmes. Frauen müssten in der Gesellschaft eine echte Wahl haben, ihr Leben zu gestalten und nicht zwischen Beruf und Familie wählen zu müssen. Dass es eine Solidarität zwischen Frauen und Männern ohne Trennung geben müsse, war in der Diskussion wichtiges Anliegen für Margit Hieronymus. „Man muss erleben, wie gut es ist, wenn Frauen und Männer zusammen arbeiten“, so die Politikerin.

Einen Dämpfer mit Blick auf die Unternehmen gab Barbara Hendricks. „Wir haben hier lange auf Freiwilligkeit gesetzt, aber nicht das Gewünschte erreicht“, kritisierte die Abgeordnete. Und selbst die in einigen Unternehmen formulierte „Zielquote 0“ bei der Besetzung von verantwortlichen Positionen mit Frauen führe bei den Betrieben nicht zu Konsequenzen. Bei den Parteien gebe es zumindest auf den Wahllisten eine Quotierung. „Im HSK ist die SPD mit 58 Prozent bei den Kandidaten und Kandidatinnen gut aufgestellt“, resümierte Dirk Wiese. Für den Berufsalltag brauche es aber ein Beschäftigungsprogramm für Alleinerziehende.

BILD
Susanne Willmes, Barbara Hendricks und Margit Hieronymus waren jetzt
Gäste von Dirk Wiese bei der Diskussion über 100 Jahre Frauenwahlrecht.
Foto: Frank Albrecht / SAUERLANDKURIER